Noßmanns Sammelsurium bedrückender Grotesken

Phantasien der bedeutendsten Satiriker umgesetzt / Im Heimatmuseum
Bergische Morgenpost, 12.09.1995

Mit Händen versucht der Künstler am Zeichentisch seine Augen zu schützen. Der Tisch ist übervoll mit Gegenständen aus dem Alltag bedeckt, dazwischen erheben sich wie zum Leben erwachende Gliederpuppen, Gnome, Tiere mit Zwergengesichtern…

Kein Detail tritt zurück
Unübersehbar, jeder Gegenstand, jede Figur, jedes Fragment und Detail konkurriert mit dem anderen, keines tritt zurück – der Künstler wird von Gesichten und Gesichtern, phantastischen und grotesken Figuren, grinsenden und hinterhältigen Blicken bedrängt. Der Zeichner Andreas Noßmann muß sie zeichnen, all die Gestalten und Greuelfiguren, die Affengesichter unter Dreispitzhüten, die pferdefüßígen Magister, die unflätigen Huren, die Apparate und Klistiere der scheußlichen Scharlatanerie und die gutgläubig aufschauenden Clowns und Narren in den Kostümen des Barock oder in den aufplatzenden Hemden über prall gespannten Bäuchen der Hosenträgerfiguren unseres Jahrhunderts.
Andreas Noßmann scheint besessen von den grotesken Phantasien der großen Satiriker Europas, von Goya über Daumier bis zu Paul A. Weber. Zitate und Fundstücke aus der Geschichte gezeichneter und gedruckter Satiren, von Bilderbögen und fliegenden Blättern geben sich in Noßmanns Zeichnungen ein gruseliges Stelldichein, nicht wie im Wachsfigurenkabinett, sondern in einer kunstvollen Montagetechnik wie neu zum Leben erweckt.

Virtuose Mischung
Virtuos mischt dabei Noßmann auch die Techniken, er zeichnet mit Farbstift, Blei, Tusche und Kugelschreiber, er arbeitet in Serien, er macht Bücher und lädt seine Betrachter zu einem wilden Ritt durch den Zirkus der Obszönitäten des Menschlichen ein.
Dazwischen einige stimmungsvolle Landschaften – auch hier schimmert das „Déja vu“ hindurch, auch das haben wir alles schon einmal gesehen, erfahren, gespürt – die Bildwelten der Romantik, die Kabinette eines Spitzweg. Alle Bilder, alle Formulierungen der ätzenden Satire und Ironie, die Metaphern der menschlichen Schamlosigkeit und Häme, sie waren alle schon einmal da. Noßmann zeigt ihre Aktualität und macht sich auf, uns das Fürchten zu lehren. Dabei bietet er Zeichenkunst von kulinarischer Delikatesse, Angst, Grusel und Lust sind Geschwister.
In Hilden wurde der mittlerweile über die Region bekannte Satiriker und Büchermacher 1962 geboren, an der Gesamthochschule Wuppertal studierte er bei den Professoren Aretz, Sensen und Badura. Heute lebt Andreas Noßmann in Ennepetal.

Von Gisela Schmoeckel

Kommt ein Käse geflogen

Remscheid: Zeichnungen und Collagen von Andreas Noßmann
Remscheid. Aquarellierte Tuschzeichnungen und Collagen des Künstlers Andreas Noßmann zeigt zur Zeit das Städtische Heimatmuseum in Remscheid.

Der 1962 geborene Noßmann überrascht mit der Kombination eigenwilliger Bildelemente und Techniken. In stilistischer und technischer Anlehnung an alte Zeichner und Kupferstecher zaubert er Szenen aufs Papier, die an Genredarstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts erinnern.
„Noßmann ist auch Illustrator“, stellte Heidi Holstein, die den erkrankten Künstler vertrat, erläuternd fest. Kein Wunder also, daß er auf die lange Tradition seiner Zunft zurückgreift. Dennoch handelt es sich bei Noßmanns Bildern nicht einfach um die Fortsetzung der Tradition. Vielmehr nutzt der Künstler die bekannte Bildsprache, um durch Entfremdungen größtmögliche Irritationseffekte zu erzielen. „Kommt ein Käse geflogen, oder ein immer wieder fliegender Edamer, Gouda usw.“ ist eine seiner Arbeiten betitelt.
Nicht allein der Titel ist seltsam. Das Blatt zeigt diverse Personen mit jeweils unterschiedlichen Kopfbedeckungen, einem Stahlhelm, einer Narrenkappe, einem Mehlsack und einer Eselskappe etwa, die in merkwürdig manirierter Haltung das Bild bevölkern. Knapp außerhalb der Bildmitte hängt ein Stück Käse an einer Angelschnur und sorgt für zusätzliche Irritation.
Es scheint nicht in der Intention des Künstlers zu liegen, der Betrachter möge seine Zeichnungen vollends entschlüsseln. Selbst Heidi Holstein, die mit Noßmann lange befreundet ist, kapituliert vor der Deutung einiger Bilder. Aber gerade das macht die skurrilen Einfälle Noßmanns so sehenswert.

Thomas Lambertz

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