Der Steinmetz – Leseprobe Teil 2

Angesichts dieser möglichen Erklärung, für diese überaus seltsamen sonntäglichen Irrungen, und mal ganz abgesehen von dem möglichen, überaus erschreckenden Endergebnis seiner maßlosen Sauferei, beschloss Bertrand dem Trinken zu entsagen und verbannte all seine Vorräte an Alkoholischem aus seiner Reich- und Sichtweite. Zunächst befiehl ihn bei dieser minutiös geplanten Säuberungsaktion seines heimischen Gefildes ein Gefühl beklemmender Trauer, dann plötzlich so etwas wie langsam aufkommender Panik, welche dann aber doch letztendlich purer Entspannung, eben durch die Gewissheit bestärkt, sich vom übelsten Übel, rein schon aus Vernunft und aus rein freiem Willen, befreit zu haben, urplötzlich weichen musste. Er war ein wenig stolz auf sich. Das durfte er wohl auch sein, auch wenn man an dieser Stelle einräumen muss, dass sich sein Kaffeekonsum ab diesem Tage wohl verfünffacht haben musste.

Dennoch, selbst bei totaler Abstinenz, suchte Bertrand noch immer das Grab seiner Frau Francoise am Sonntagmorgen zuerst vergeblich. Immer noch konnte er sich die Wege nicht merken, auch die sogenannten Anhaltspunkte, wie besonders prägnante Bäume, oder besonders auffällig schön gestaltete Grabsteine, waren keine große Hilfe. Denn sie waren mal da, dann mal dort, oder auch mal ganz einfach weg, um dann, eine Woche später, mal wieder nur so, an gänzlich unerwarteter Stelle wieder aufzutauchen.

Gut ein Jahr lang hoffte Bertrand, das sich dieses, für ihn unerklärliche Friedhof-Phänomen, dank seiner totalen Abstinenz, mal in irgendwie in Luft auflösen, oder sich zumindest ein wenig bessern würde.

Das ihm der Alkohol als solches überhaupt nicht fehlen würde, sich so etwas wie Entzugserscheinungen noch nicht einmal im Ansatz bei ihm einstellten, verwunderten ihn deutlich weniger als die Tatsache, dass jene Sinnestäuschungen, wie eben bei der sonntäglichen Suche nach dem Grab seiner Frau, im Alltag eben rein gar nicht in Erscheinung traten. Er konnte sich immer und überall, ohne jede merkbare Einschränkungen, frei bewegen, mit allen und jeden reden, wenn er denn gewollt hätte. Doch er wollte nie. Unter der Woche das Grab seiner Frau mal aufzusuchen, kam ihm allerdings nie in den Sinn, eher die abstruse Vorstellung, dass es in Sachen Abstinenz vielleicht doch schon zu spät gewesen sein könnte, sein Hirn schon somit irreparable Schäden davon getragen hatte.

Ein erschreckender Gedanke, welcher Bertrand nächtelang nicht zur Ruhe kommen ließ und ihn somit dann doch recht schnell zu der Entscheidung trieb, nach Jahren wohl, mal wieder einen Arzt zu konsultieren. Anfangs war er nicht ganz sicher, ob er sich nicht gleich besser gleich einem Psychiater anvertrauen sollte, oder doch lieber erst einmal, unter dem Vorwand imaginärer Kopfschmerzen, einen allgemein praktizierendem Arzt, einem Quacksalber, wie er diese üblicherweise betitelte, aufzusuchen. Wie üblich fürchtete Bertrand noch immer um seinen längst verspielten und verblichenen Ruf in Paris, vor allem aber in seinem Viertel. Denn hier zumindest noch galt er bis heute als die, wenn auch ungeliebte, Konstante, und auch schon längst überholte Größe der ehemals legendären Kunstszene. Und somit entschied er sich für die Kopfschmerzen, die aber ja keine waren. Zumindest konnte er somit ausschließen, dass kein Gerede aufkam, wenn die ihm allzu verhassten Nachbarn, ihn zum Psychiater schleichen sehen würden – jene allzu neugierigen und Sensationssüchtigen Gaffer, die auch er natürlich nicht sonderlich schätzte.

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Wie jeden Sonntag, wie immer pünktlich um elf Uhr, stand Bertrand, gänzlich in Gedanken versunken, am Grab seiner Frau Francoise auf dem Zentral Friedhof von Paris. Und obwohl er nun schon seit vier Jahren immer wieder zur gleichen Zeit hierher kam, um seiner Frau, dem gemeinsamen Leben mit ihr und vielleicht auch ein wenig sich selber zu gedenken, hatte er sich zuvor mal wieder einmal, wie immer eigentlich am Sonntagvormittag, verlaufen, das Grab seiner Frau abermals nicht gleich wieder finden können. Denn jedes Mal, wenn er die Pforte, hin zu den auf ewig Ruhenden passierte, verlor er schlichtweg ganz einfach die Orientierung. Immer wieder schien ihm plötzlich alles anders, ja, ganz anders, hier auf dem altehrwürdigen Pariser Friedhof. Uralte knochige Bäume, die allesamt um Jahrzehnte älter sein durften als jeder hier ruhender Gast und vermutlich hier schon zu Napoleons Zeiten standen, schienen so mir-nicht-dir nichts, ganz einfach mal plötzlich die Plätze vertauscht zu haben, die alten Wege, sobald mal halbwegs vertraut erscheinend, wie neu verlegt, gänzlich auf einmal in andere Richtungen weisend, wie noch die Woche zuvor. Dieser riesige Friedhof entnervte Bertrand jede Woche aufs Neue; gab sich diese vermeintlich letzte Ruhestätte doch eher wie ein sich allwöchentlich selbst neu erfindendes Labyrinth oder gar wie ein seltsames Rätsel, welches für das immer gleiche Ergebnis immer wieder neue Lösungswege einforderte.

Im ersten Jahr, nach dem Tod von Francoise, ignorierte er dieses Phänomen, diese befremdlichen Sinnentäuschungen auf dem Zentral Friedhof, wie immer Männer alles Unangenehme, gar rational Unerklärbares, allzu gerne links liegen lassen. Im zweiten Jahr allerdings begann er langsam zu grübeln und eine allzu beklemmende Ahnung beschlich ihn in zunehmenden Maße. Vielleicht war es seinem jahrelangen Hang hin zum Alkohol zuzuschreiben, vor allem Pastis und guter Rotwein, schon ab Mittag, hatte es ihm besonders angetan, dass ihm zu immer gleicher Stunde, am immer gleichen Tag, sein Verstand ins Wanken geriet. Somit befürchtete er schon, zunehmend an dem sogenannten Korsakow Syndrom zu leiden, welches im Grunde nichts anderes bedeutet hätte, dank dem Übermaß an Alkohol, schlichtweg auf Dauer zu verblöden, irgendwann nicht mehr koordinieren zu können, wo rechts und links oder oben und unten – und ab einem bestimmten Stadium der Erkrankung, nicht mehr zu wissen wer man selber ist; geschweige denn, sowas wie Freunde oder Bekannte wieder erkennen zu können – wenn Bertrand denn welche zu diesem Zeitpunkt noch gehabt hätte. […]

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