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Der Inquisitor

Der Inquisitor verkörpert den Versuch, der Ungewissheit des Daseins zu entkommen. Er entsteht aus dem Wunsch, eine widersprüchliche Welt in eindeutige Formen zu zwingen. Wo das Leben offen ist, sucht er nach Halt; wo Freiheit schwindelerregend wird, verlangt er nach Regeln. Seine Urteile sind weniger Ausdruck von Stärke als von Angst: der Angst, dass alles auch anders sein könnte. So wird er zum Symbol einer Flucht vor der eigenen Freiheit.

Existenzphilosophisch zeigt er die Weigerung, das Offene auszuhalten. Er ersetzt Möglichkeit durch Notwendigkeit und verwandelt die Unruhe des Lebens in starre Ordnung. Doch diese Ordnung ist brüchig. Sie muss ständig bestätigt werden, weil sie gegen die Natur des Menschen arbeitet. Der Mensch entfaltet sich nicht in Gewissheiten, sondern im Mut, Unsicherheit zu tragen. Wer versucht, die eigene Unzulänglichkeit zu verleugnen, verliert den Zugang zu sich selbst.

Der Inquisitor ist daher nicht nur eine Figur der Unterdrückung, sondern auch ein Spiegel. Er zeigt, wie leicht Freiheit in Furcht umschlägt und wie schnell Furcht nach Autorität ruft. Seine Tragik besteht darin, dass er das Lebendige festhalten will, indem er es fixiert – und es gerade dadurch erstickt. Doch wer diese innere Instanz erkennt, kann sie entmachten, indem er akzeptiert, was sie zu vermeiden versucht: dass Wahrheit wandelbar ist, dass Gewissheit immer nur vorläufig bleibt, dass Freiheit untrennbar mit Unsicherheit verbunden ist.

So erinnert der Inquisitor daran, dass der Mensch sich erst findet, wenn er den Mut hat, das Ungewisse zu betreten, ohne es zu richten.

Bleistift, Farbstift, Aquarell
Wvz. 5473
Format: 300 x 300 mm
März 2026