Moderner Mummenschanz

Moderner MummenschanzBremerhaven. Eisenrüstung, Mantel, Maske, schön, stolz und bedrohlich, sorgten für den passenden Empfang in der Galerie Tilly Börges. Klaus Damm, Iris Wemme und Stephan Westphal vom Stadttheater, am Klavier begleitet von Vera Radtke, stimmten ein auf die spielerischen und doch ernsten Bildwelten des 40-jährigen Künstlers Andreas Noßmann. Anschauliche Worte fand dazu die Kunsthistorikerin Elke Grapenthin.

Als einer der ganz wenigen traditionsbewußten Zeichner und Grafiker der Gegenwart durchleuchtet Andreas Noßmann den Zustand der Menschheit von heute, indem er sie einbaut in einen Mummenschanz des Schrecklichen – und der hat im einst christlichen Europa eine lange Tradition. Bis heute. Im In- und Ausland versteht man denn auch, dass diese fast historisch anmutenden Bilder keineswegs von gestern sind. Noßmann, der mit Frau und zwei Kindern durchaus bürgerlich im Ruhrgebiet lebt, kann sich der Nachfrage nach seinen visionären Spiegelungen menschlicher „Kultur“ kaum erwerben.

In seinen Radierungen wie auch in den technisch vielfältigen, mitunter indes allzu bravourös ausladenden Zeichnungen der letzten zehn Jahre taucht alles wieder auf, was seit dem Mittelalter die Menschen in Angst, spannung und Lüsternheit versetzte: Die Schreckenvisionen von Hieronymus Bosch bringen sich ebenso in Erinnerung wie Narrenschiff- und Totentanz-Methaphern. In Zeichnungen und Farbradierungen stehen in Anspielung auf Goya und Damier geniale, schonungslose Köpfe des 18/19. Jahrhunderts wieder auf und beleuchten die Gegenwart. Im Großformat „Mon General“ etwa hebt Napoleon die Hand zu verdächtiem Gruß.

Doch wo Goya die Angst als Menschenfeind geißelte, spielen die Menschen bei Noßmann mit der Angst. Sie brauchen sie sogar in ihrem Überdruss, nutzen sie sadomasochistisch. Erloschen jeder Gedanke an politischem Widerstand, die Spaßgesellschaft liebt Gewalt privat – lauter Spieler die ihr Selbst verloren haben.

Während manche Großformate mit ihren Anspielungen auf eine schablonenhafte Moderne nicht überzeugen, gehören die Bildtafeln über den Geiger Niccolo Paganini zum Besten dieser Ausstellung. Die Leere des Bildgrundes korrespondiert überzeugend mit der Einsamkeit des genialen Individuums, das seine Welt in aller Mühsal täglich neu erschaffen muss, ganz gleich, welche Geister sich an seine Fersen heften.

Hannelore Ahorn, Bremerhaven

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