
Ein Hund, ein Blick, der alles sagt. Er kennt nicht nur alle deine Geheimnisse, sondern auch die der Nachbarn. Er weiß eigentlich alles – und das schon seit immer.
Er weiß, wo du all die Leichen begraben hast, warum du gestern mal wieder so lange gebraucht hast, um „nur kurz“ einkaufen zu gehen – und stattdessen bei der verheirateten, barocken Brigitte auf ein Stelldichein warst, während ihr Mann tatsächlich einkaufen war und die vier dicken Kinder längst per Landverschickung zu den Großeltern geschickt wurden, um dort Kartoffeln zu ernten. Er weiß, dass du manchmal so tust, als würdest du am PC arbeiten, während du in Wahrheit schlüpfrige Videos schaust. Er weiß, dass du ihm nie wirklich böse bist, wenn er wieder auf dem Sofa liegt – genau auf dem weißen Kissen, das „nur zur Deko“ gedacht war, deiner Frau das Liebste und dir somit völlig egal ist.
Er weiß, dass du dich fragst, was er wohl denkt. Und er denkt: „Es ist nur eine Frage der Zeit – dann klage ich auf Eigenbedarf.“
Er weiß, dass er mit einem einzigen Blick alles bekommt: Futter, Streicheleinheiten, moralische Überlegenheit. Er weiß, dass du glaubst, du führst ihn an der Leine. Aber in Wahrheit führt er dich – an der Nase herum. Und manchmal, wenn er so daliegt, mit diesem wissenden Ausdruck, scheint er zu überlegen, ob er nicht doch besser ausziehen sollte. Dann zuckt nur kurz die Nase, als wolle er sagen: „Aber nein – zu viel Arbeit. Ich weiß ja, bei den Nachbarn ist es nicht besser.“





Bleistift, Farbstift, Aquarell
Wvz. 5485
Format: 500 x 198 mm
Juni 2026
