Dem Maskenzug Goyas gefolgt

KÖLNER KULTURLEBEN
Andreas Noßmann ist heute auf den Spuren des spanischen Hofmalers
Kölner Stadtanzeiger
Dem Maskenzug Goyas gefolgt( Galerie in C ) VON DORIS SCHREIBER
Francisco de Goya y Lucientes (1746-1828), Hofmaler Seiner Katholischen Majestät, des Königs von Spanien, ging als Graphiker bewußt in den Spuren von Jacques Callot. Nicht nur, daß der Mann aus Aragon in seiner gleichnamigen Radierfolge Die Schrecken des Krieges“ einem effektvollen Serientitel des Meisters aus Nancy zu neuem Leben verhalf, schon in seinem ersten graphischen Zyklus, den „Caprichos“, folgt er Callots Capricci di varie figure“ fast aufs Wort. „Capriccio“ ist italienisch und bedeutet soviel wie Laune, Einfall, Bocksprung der Phantasie. Als Titelwort eines Mappenwerks gibt es dem Künstler freie Hand, entbindet ihn von jedem systematischen Zwang, erlaubt ihm Maskenspiel und assoziative Kurzschlüsse. Goyas Caprichos“ sind denn auch nichts anderes als ein einziger, in die Platte geätzter Maskenzug, der das unerschöpfliche Repertoire menschlicher Torheiten seinerseits „ätzend“ aufs Korn nimmt. Der Spanier, bei der Inquisition schlecht angeschrieben, war ein Freund der europäischen Aufklärung und ihres Vernunftglaubens. Daher nimmt es nicht wunder, daß er zunächst eine Aquatinta mit der programmatischen Inschrift der „Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ als Titelblatt der Radierfolge bestimmte, doch später machte das Blatt den Spitzenplatz für ein Selbstbildnis Goyas frei.

Genauso hält es jetzt auch Andreas Noßmann, der seine gezeichneten, aquarellierten und getuschten Variationen zu Goya“ mit dem verhältnismäßig großformatigen Blatt „Selbst und ohne Titel“ eröffnet. Noßmanns erfindungsreiche Abwandlungen und Exegesen Goyas – 44 Bravourstücke insgesamt – stehen jetzt in der ,Galerie in C‘ (Hohenstaufenring 53) zur Betrachtung, auch der Schlaf der Vernunft“, den das von Monstern bedrängte Ich nun nicht mehr nur gesenkten Blicks schaudernd erleidet, sondern am Schreibtisch sitzend protokolliert. Schließlich leben wir im Jahre 51 nach Freud; da sind die Träume auch nicht mehr das, was sie einmal waren.

Es gab nach Goya auch noch einige andere Meister des Maskenzugs, James Ensor beispielsweise; ihm opfert Noßmann in seiner Variation von Capricho Nr. 76: „Euer Gnaden sind … also, wie gesagt … äh!“, dessen noch weiter verfratzte Visagen nunmehr unter dem Titel „Der große General‘ ihr Unwesen treiben. Am Rande der sehenswerten, auch ohne spezielle Vorkenntnisse durchaus genießbaren Ausstellung sinnt der in Wuppertal residierende Künstler noch in einigen Blättern dem Maler Goya nach. Die mit pointiertem Witz abgewandelte „Dona Narcisa Baranana de Goicoechea“, Stammutter einer ganzen Portraitgalerie, sei hier neben Dona Isabel Cobos de Porcel“ mit besonderem Vergnügen erwähnt. Andreas Noßmann, geboren 1962, kommt aus Hilden. Nach einem Studium im Fach Kornmunikationsdesign (was immer das sein mag) ging er zur freien Grafik und zur Malerei über. G. Aretz, W. Sensen und M. Badura waren hier seine Lehrer. Seit drei Jahren ist er freischaffend tätig; erst jetzt machte er Köln seinen Antrittsbesuch.

Goya gelang es, die Druckplatten der „Caprichos“ seinem König zu verkaufen. Er erwirkte als Gegenwert eine Leibrente für seinen Sohn, die jährlich 12 000 Goldstücke betragen sollte. Unserem engeren Landsmann sei ähnliches Glück beschieden.
(Ausstellung bis 18.Mai) Kölner Stadtanzeiger, 1990

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