Grillen eines Zeichners

Atelier Jörg Simon zeigt Andreas Noßmanns  „Capricci“ Grillen eines Zeichners

Grillen eines ZeichnersVon JÖRG RESTORFF Münster
Manege frei für Andreas Noßmann. Der 28jährige Zeichner – unter Grafikfreunden seit langem ein Geheimtip – schlüpft nicht nur ins Clownskostüm, sondern sich fast mit gleicher Bravour aufs Hochseil. Das alles freilich nicht in Person, sondern in Gestalt papierener Akrobaten, welche die behende Feder des Künstlers in Scharen hervorzaubert. Noßmanns, getuschte Artistengruppe gastiert bis zum 24. September im Atelier Jörg Simon.

Es ist bereits die dritte Ausstellung, die Simon dem virtuosen Zeichner einrichtet. Aus gutem Grund, denn die Wertschätzung für den an der Wuppertaler Gesamthochschul – Universität zum „Kommunikationsdesigner“ ausgebildeten Noßmann steigt beständig.

Noßmanns Zeichnungen entstehen kaum einmal als separate Einzelstücke. Vielmehr ist jedes Blatt Baustein zu einem übergreifenden Thema, das in zahlreichen Variationen durchgespielt wird. Hier hin führt der traditionsbewußte Grafiker eine Kunstform fort, die im 18. Jahrhundert ihre Blüte erlebte: das Capriccio. Ein Wort, das soviel besagt wie „Laune“ oder „Grille“. Unter diesem Etikett billigte man seinerzeit dem Künstler Freiheiten zu, die er gewöhnlich nicht besaß. Die berühmte Stichfolge Goyas etwa, 1799 unter dem Titel „Los Caprichos“ erschienen, enthielt manche gewagten Darstellungen.

Nach Noßmanns Capricci zu „Amadeus‘ und Paganini“ siedelt der aktuelle grafische Zyklus im Zirkusmilieu. Heile Zirkuswelt und romantische Gauklertypen – das freilich ist die Sache unseres Mannes nicht. Er gibt die Manege als Tummeiplatz der Sensationen.

Bei Noßmanns makabrer Nummernfolge hält das Publikum den Atem an: Zum Programm gehört etwa eine Hinrichtung – fiirwahr ein Kunststück“, das man nicht jeden Tag zu sehen bekommt. Den Strick um den Hals balanciert der Delinquent auf einem Ball. Doch schnell droht das Gleichgewicht verloren zu gehen, weil ein unkollegialer Clown die Kugel ins Rollen bringt. Der extremen Situation entspricht die extreme Körperverrenkung des um festen ‚Stand Kämpfenden. Spiralige Arabesken pflanzen den Körperumriß in den freien Raum fort und steigern die Beweglichkeit der Darstellung. Dabei gibt die Kolorierung in Aquarell und Farbstift den Blättern durchweg malerisches Gepräge.

Nicht verwunderlich bei einem solch maliziösen Zeichner, daß Noßmanns Hochseilakrobaten keineswegs geschickt über den Abgrund tänzeln, sondern im Gegenteil nahe vor dem Absturz stehen. Einer hält sich noch leidlich auf dem Seil, das von Ratten eifrig angenagt wird. Mit letzter Kraft klammern sich die beiden akut gefährdeten Mitstreiter an die rettende Schnur, doch ahnt man schon den nahen Fall. Solch drasfische Szenarien belegen, wie meisterhaft hier schwarzer Humor in farbige Milieuschilderungen übersetzt wird. Geöffnet montags bis freitags 9.30-13 und 14-18.30 Uhr, samstags 10-13 Uhr.
Münster, 06.09.1990

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