Malen Sie doch mal was Schönes

Top Journal – Ruhr, 1994

Malen Sie doch mal was SchönesAndreas Noßmanns Grafik präsentiert einen kühlen Blick auf die trübe Welt:
Wenn zwei sich in den Armen liegen, zieht einer mit Sicherheit den Dolch.

Es ist schon einige Jahre her, da erregte Andreas Noßmann Aufsehen mit seinem Beitrag für eine Gemeinschaftsschau im Wasserschloß Martfeld. Zur Begeisterung über das unzweifelhafte grafische Talent des jungen Mannes kam der Schock über die Freizügigkeit, mit der der Künstler heilige Themen behandelte – pellte er doch beispielsweise in seinem Zyklus über Mozart das Salzburger „Wolferl“ mit rüder Entschiedenheit aus der Leibwäsche.

Prägt auch nach wie vor Provokation als ästhetische Grundhaltung seine Bilder, so zählt Andreas Noßmann doch nicht zu denen, die sich schon für originell und preisverdächtig halten, wenn sie nur den blanken Hintern zeigen. Betrachter sollen keinen guten, sie sollen den richtigen Eindruck von seinen Bildern bekommen, in denen er seine beiden Grundthemen – „Verrat“ und „Sexualität“ – variantenreich aufarbeitet. Solche Bilder, die vom Hauen und Stechen unter den Menschen künden oder Paare in der Umarmung zeigen, passen kaum über die Wohnzimmercouch, wenn die Kinder noch klein sind und der Umgang mit den Schwiegereltern ohnehin nicht einfach ist. Wer will Verwandten und Nachbarn schon ständig erklären müssen, warum er sich dauerhaft die Nachtseiten der menschlichen Existenz vor Augen hält? Andreas Noßmann muß sich denn auch nicht selten auffordern lassen: „Malen Sie doch mal was Schönes!“

Kardinalthema ist das Abtrünnige zwischenmenschlicher Beziehungen. Seine Kunstfiguren sind Täter und Opfer in einer endlosen Folge von menschlichen Annäherungen, die sich bei näherer Betrachtung als Austoben brutaler Lust entpuppen. Scham sucht man vergebens, niemand trägt schwer an seiner offensichtlichen Gefühllosigkeit gegenüber der eigenen Schuld.

Wenn diese Gestalten einander zulächeln, ist das Schlimmste zu befürchten. Man belauert, wen man piesacken will. Wenn zwei sich in den Armen liegen, zieht einer mit Sicherheit den Dolch.

Gern greift Noßmann auf das malerische Personal der Habe- und Taugenichtse zurück, aufs „Pack“, weil es ergiebiger für seine Zeichnungen ist als der blasse Gegenwartsmensch in Jeans und Hemd. Und selbstverständlich federt diese Darstellertruppe scheinbarer Außenseiter den Schock für den kultivierten Betrachter ab, der sich nicht unmittelbar mit den und dem Gezeigten identifizieren muß. Um die Intensität der Qualen zu zeigen, die der Mensch dem Menschen zufügt, treten auch gerne Alben, Mahre und andere krallenbewehrte Folterer auf, die ein bißchen mittelalterliches, allerdings unmetaphysisches Höllenbewußtsein gegenwärtig machen.

Das zweite große Thema des 32jährigen Künstlers ist die Sexualität: nicht so betulich und hinterm Mond wie in Aufklärungsschriften für Schüler, die schon alles wissen, nicht so tumb wie im Hochglanz-Heft für richtige Männer und auch nicht so keusch wie einst in der „Gartenlaube“. Was die Figuren an Körperlichkeit in aggressiver Weise wagen, ähnelt einer Besessenheit, die kaum etwas anderes ist als das Bedürfnis nach höchster Nähe und Vertraulichkeit. Nicht der Akt an sich ist dabei wesentlich, ja, er ist nur Teil einer Kette komplexer Verhaltensweisen, die wiederum viel von Macht und Unterwerfung, von Gewalt und Härte haben. Auch hier wird der Künstler immer wieder gern ermuntert, sein Talent doch zu nutzen für ein Bild von geglückter Liebe, von harmonischer Erotik.

Künstler hat Noßmann nie sein wollen; er sieht sich als Handwerker. Noßmann, der bis heute nicht mehr braucht als Schreibfeder, Bleistift, Kugelschreiber und Aquarellfarbe, schwebte ein Job am Schreibtisch einer Agentur vor, für die er, beispielsweise, Bücher hätte illustrieren können. Darum studierte er an der Bergischen Universität zunächst Industrie-Design und später Kommunikationsdesign, wo er es mit den Professoren Wilfried Sensen, Michael Badura und vor allem mit Gerd Aretz zu tun hatte. Der redete dem jungen Noßmann rasch das Malen aus; weder könne man damit etwas verdienen, noch gehe das rasch von der Hand. Damals hat Noßmann seinen Lehrer verflucht, heute ist er ihm dankbar für dessen gravierende Beeinflussung. Noch als Student ergaben sich die ersten Ausstellungsmöglichkeiten. Bald wanderten Andreas Noßmanns Blätter durch die Republik, ohne daß er selbst laut hätte trommeln müssen. Mittlerweile ist er von Sylt bis München berühmt, aber auch berüchtigt.

Zweischneidig fiel beispielsweise die Reaktion auf seine Plakate für das Essener Aalto-Theater aus: Als er seinen Entwurf für die Inszenierung der „Lustigen Witwe“ vorlegte, regte sich das Abonnenten-Publikum. Die einen ahndeten als anstößig, was die anderen feierten: Die „Lustige Witwe“ inmitten einer Gruppe junger Anbeter, die der nicht unverzückten Dame sehr, sehr eng ans Mieder rücken. Kurzerhand wurde in vorauseilendem Gehorsam ein Zensurbalken über die Beckenlinie der Figuren gezogen.

Text: Heike Rudolph Fotos: Jörg Lange

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