Lust und Leid

 Lust und Leid ...Satire mit flinkem Stift: Lust uns Last beim Lesen
Harzer Panorama, 18.02.2007
Wenn man in Deutschland als Zeichner nicht nur dann berühmt werden könnte, wenn man fürs Kinderzimmer arbeitet, wäre Andreas Noßmann ein Kandidat für den Bekanntheitsgrad Marke Janosh: handwerklich ist er einer der besten und warscheinlich der mit dem schnellsten Strich unter allen lebenden Zeichnern. Gedanklich ist der 1962 in Hilden Geborene so furios, dass man so manche Ohrfeige, die er für seine Frechheiten verdient hätte, nicht nur ihm nachsieht, sondern schmunzelnd selbst entgegennimmt. Denn Noßmann ist vom Grundton her satirisch und damit immer auch ein Spiegel.

Aufgrund der jahrelangen Verbundenheit zur Stubengalerie hat Noßmann 2006 etliche Bilder direkt für eine neue Ausstellung an der Abzucht konzipiert. Unter der Überschrift „Leselust – Leselust“ versammeln sich über 30 Bilder, die sich der einzigartigen Macht der Bücher und der von ihnen ausgehenden Faszination widmen. Manchmal ist das eine Ode an die Literatur. Im Bild „Dir große Neugier“ kauern sich zwei Männer auf einer Bank ganz dicht zusammen, um in ein kleines rotes Buch zu schauen. Wenn man genauer hinsieht, wird daraus eine Humoreske: Denn der etwas größere, etwas steife Herr ist offensichtlich der eigentliche Besitzer des Buches. Der andere, etwas runde Mann ist dreist genug, um sich ihm aufzudrängen; nur um in ein fremdes Buch zu lucksen. Ausserdem sieht er verdächtig nach einem Gelegenheitsdieb aus! Ist das Buch gar ein Kriminalroman und der Drängler erhofft sich ein paar schlaue Tipps, um nicht gefasst zu werden? Schon hat es Noßmann geschafft: Sein Bild ist zur Geschichtegeworden; das sieht ganz einfach aus und ist doch so kunstfertig.

Zum Thema Lust&Last kommt (natürlich) das weibliche ins Spiel. Noßmann liebt offenbar vor allem große, runde Hinterteile, denn die werden dem Betrachter gleich mehrfach als neckische Buchunterlage entgegen, sprich in die Höhe gestreckt. Ein Po als Tisch: Mehr braucht man zum Ausgangspunkt für die Lektüre „Kamasutra“ wohl nicht zu sagen. An anderer Stelle nennt Noßmann diese Bildkomposition „Zwischenseitliche Anregung“. die holde Damenwelt kommt aber auch angezogen, ja hoch aufgeschlossen ins Bild. So schleppt sich der „Kofferträger“ nicht nur mit zwei besonders großen, sperrigen Exemplaren ab. Nein, auf einem Koffer hat auch noch eine elegante Frau im Spitzenkleid und Sonnenschirmchen Platz genommen, um gleich mit befördert zu werden. Ein echter Mann zieht das tapfer durch. Und schwitzt aus allen Poren.

Auf dem Bild „Luisas Bad“ ist die Besagte gat nicht zu sehen. Statt dessen drängeln sich gleich vier Männer um ein Fenster, um ein paar Blicke zu erhaschen. Letztendlich sie Sklaven ihrer Lust. Sie geben dabei aber keine tragischen, sondern lustige Figuren ab. So ist das halt mit den Lüsten: keine Katastrophen, nur reichlich Hindernisse. Ein Frauenheld wie „Casanova“ kommt natürlich viel öfter ans Ziel als diese vier, aber irgendwie doch nie an: Während die erste Schöne noch im Liebesspiel auf seinem Schoße hockt, phantasiert er schon von der nächsten – oder war es die davor? Glück sieht in jedem Falle anders aus. Denn Noßmann ist kein geiler Bock. Er weiß, dass Lust und Last sich oft die Hände reichen. Frauen sind das Salz in der Suppe: zu wenig ist zu fad, zu viel verhängnisvoll.

Der große „Lesehunger“ nimmt sich wörtlich: Einer hockt in der Dunkelheit am Feuer und hält ein Buch wie einen Braten am Drehspieß in die Flamme. Wer jetzt Appetit bekommen hat, sollte sich die Ausstellung, die bis zum 11 März in der Abzuchtstraße 4 bei freiem Eintritt zu sehen ist, nicht entgehen lassen.

Lust und Leid beim Lesen von LiteraturLust und Leid beim Lesen von Literatur
Andreas Noßmanns faszinierende Ausstellung in der Stubengalerie eröffnet – „Begnadeter Zeicher“
Goslarer Zeitung, 30.01.2007

Kein Durchkommen, kaum ein Betrachten der vorgestellten Zeichnungen war möglich für die Besucher der Vernissage des Düsseldorfer Künstlers Andreas Noßmann in der Stubengalerie. „Wir fürchteten schon des Wetters wegen fast allein zu sein“, frotzelte Antje Stoetzel-Tiedt von der Galerieleitung, doch das volle Haus freute sie um so mehr.

An den Wänden der Zyklus „Leselust-Leselast“, verbunden mit weiteren Zeichnungen des sympathischen Künstlers. „Kann lesen wirklich so ablenken?“ fragt sich ein Betrachter der Zeichnung „Kamasutra“: Sie kniet, nur mit einem hochgerutschten Hemdchen bekleidet, auf dem Boden, die Unterarme aufgestützt. Das entblößte Hinterteil streckt sie nach oben, „ihm“, hinter ihr sitzend, entgegen. Er allerdings, übrigens vollkommen bekleidet, blickt hochinteressiert in ein Buch. Welches zu allem Überfluss auch noch auf ihrem als durchaus prächtig zu bezeichnendes Hinterteil abstützt. Die Dame selbst – umgeben von weiteren Bücherstapeln – schaut dem Betrachter entgegen, ihr Blick erscheint fast lüstern, so wie sie mit halb geöffnetem Mund aus dem Bild herausschaut. Oder blicktsie doch eher gelangweilt, weil sie sich fragt, wann ihr Liebhaber sich endlich den wichtigen Dingen des Lebens widmen wird? Wer weiß?

Andreas Noßmanns Bilder und Zeichnungen lassen eine Menge Spielraum für Interpretationen, sie muten zuerst an wie eine vordergründige Karikatur. doch schnell entdecken sich Horizont und Hintergrund, Noßmann nimmt mit Genuss alltägliche Themen auf die spitze Feder und setzt sie zeichnerisch um. „Der Lese-Zyklus war eine Aufgabe, die mir Familie Tiedt gestellt hat,“ erzählt er. „Ich habe mir Gedanken dazu gemacht und die Zeichnungen sind bei mir im Kopf entstanden, ich brauchte sie nur noch umzusetzen.“

Dr. Heidi Roch führte in die Ausstellung ein: „Da ist einer von den Begnadeten, die Gesehenes und Empfundenes mit großer Eindringlichkeit zeichnerisch umsetzen können“, meinte die Leiterin des Kulturressorts. „Es geht um die Gegensätze zwischen zwischen Geborgenheit und Abenteuer, um Intrigantes und Ergaunertes.“ Eine faszinierende Ausstellung die den Besuch lohnt. Die Galerie an der Abzucht ist täglich von 11 bis 17 Uhr geöffnet. bol/je

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