Keine Kirchenwand für die Unmäßigkeit

Keine Kirchenwand für die UnmäßigkeitGaleristin Gudrun Tiedt führt heute, Samstag, 14 Uhr, durch die Noßmann-Ausstellung in der Marktkirche

Wieviel Sex verträgt die Kirche? Nicht nur die Zuschauer der aktuellen TV-Historienfilmserie „Borgia“ stellen sich diese Frage. Auch die Besucher der Vernissage von Andreas Noßmann in der Goslarer Marktkirche wurden mit ihr konfrontiert; verriet Pfarrer Ralph Beims doch, dass es ein Werk des gezeichneten Todsünden-Zyklus von Noßmann nicht in die Kirche „geschafft“ hatte. Das „Copus delicti“ war zu freizügig – und ist seitdem in der Stubengalerie zu sehen.

Für Noßmann ist es die erste Ausstellung der Sieben Todsünden in einem sakralem Raum – eine neue Erfahrung für den Künstler. Der begnadete Zeichner arbeitet seit Jahren an diesem Zyklus, der wohl nie komplett zu sehen sein wird; denn bevor er sein Ziel, sieben Arbeiten zu jeder der sieben Todsünden zu schaffen, erreicht hat, ist längst ein Teil seiner Werke verkauft. Bezeichnenderweise sind es laut Noßmann die Arbeiten, die wohl ebenfalls keinen Platz an den Kirchenwänden bekommen hätten, die sofort Liebhaber fanden; Sex sells, insbesondere, wenn pralle Pobacken mit derart sichtbarer Lust am Zeichnen entstanden. Umsetzungen von Zorn und Hass oder Neid verkaufen sich längst nicht so gut – auch wenn sie keineswegs weniger kunstvoll sind.

Nach evangelischem Verständnis verdienten die Dämonen nach Karl Barth „nur einen kurzen scharfen Blick, damit sie einen mit ihrer zweifellosen Faszination nicht zu sehr in ihren Bann ziehen“, erläuterte Beims. Das sei wohl weiterhin wahr. So sei es vielleicht kein zufall, dass diese Ausstellung in die propstlose Zeit falle, scherzte Beims. Er rechne vor allem deshalb mit Protesten, weil die Todsünden in den Darstllungen von Noßmann immer auch eine erotische Komponente hätten.

Natürlich werfe die Tatsache, dass eine Zeichnung nicht gehängt wurde, die Frage auf, ob die evangelische Kirche ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität habe. Im öffentlichen Bewusstsein halte sich hartnäckig die Meinung, dass Religion und Sexualität einen unversöhnlichen Wiederspruch bildeten. Der Grund, weshalb das Bild nicht gehängt wurde, habe aber neben der Rücksicht auf Kinder und unbedarfte Kirchenbesucher vor allem darin gelegen, dass Sexualität dort nicht wieder im Bereich des Dämonischen angesiedelt sein sollte.

Und was meint nun der künftige Propst? Thomas Gunkel zitiert erst einmal Augustinus: „Liebe und tue, was du willst“. Man müsse sich entscheiden, ob eine Kirche ein Austellungsort sein solle oder nicht. Wenn sie einer sei, müsse man auch über Grenzen gehen, so Gunkel. Andererseits hält er es für fragwürdig, ob man Menschen mit drastischen Bildern „beschweren“ sollte. Hätte er das Bild gehängt, oder hätte er nicht? „Ich würde mich erst einmal auf das Urteil der Kollegen verlassen“, antwortet er salomonisch. Die wüssten schließlich, wie die Menschen in Goslar reagierten.

von Sabine Kempfer (Goslarer Zeitung)

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