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1913

1913Silvesterabend 1912 – Es ist kurz vor Mitternacht. Ein kleiner schwarzer Junge ballert mit einer scharf geladenen Pistole mehrmals in Richtung des Sternen klaren nächtlichen Himmel über New Orleans. Als die eiligst alarmierte Polizei ihn festnimmt, ist seine Entschuldigung: Er wollte nur das Jahr 1913 entsprechend laut begrüßen. Der Name des allzu kindlichen Silvesterschützen: Louis Armstrong.

Florian Illies Buch „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“,  ist sicherlich ein Buch was polarisiert.  Für den Einen bietet es nicht mehr als eine Aneinanderreihung völliger Belanglosigkeiten – für den Anderen sind es gerade diese, die zu unterhalten wissen. Denn 1913 ist alles andere als ein politisches Buch. Die eigentlichen Ereignisse dieses Jahres, an diesem Vorabend zur ersten großen Katastrophe des 20ten Jahrhunderts, bleiben gänzlich unerwähnt. Auch wenn man sich gleich zu Beginn des Buches etwas ungläubig die Augen reibt, als der Autor resümiert, dass sich im Januar 1913 ein Herr Hitler und ein Herr Stalin (damals noch unter seinem richtigen Namen), der eine immer noch von einer Karriere als Künstler träumend, der andere schon im Zeichen der Revolution in Sachen politischer Agitation unterwegs,  zeitgleich in Wien aufhielten und wer weiß es schon … sich doch vielleicht begegnet sein könnten. Aber selbst wenn es so gewesen wäre – diese neue Tatsache dann, würde die heutige Geschichtsschreibung wohl kaum nachhaltig tangieren – so wie eigentlich alles, was dieses Buch zu erzählen vermag.

Die eigentlichen Protagonisten dieses Buches sind also nicht die großen politischen (und unglücklichen) Weichensteller jener Zeit, sondern formieren sich aus dem Reich der Kunst und Kultur – der Welt der Musik, Literatur und der bildenden Kunst; es sind die vermeintlichen Größen jener Zeit, schon auf dem Höhepunkt Ihres Schaffens angelangt, wie ein Thomas Mann,  oder erst auf dem Wege dorthin, wie ein Bertold Brecht oder ein Ernst Jünger. Und dann sind da noch die zahlreichen anderen, deren Namen heute nur noch wenigen Eingeweihten noch wirklich etwas sagen werden.

An Hand von zusammengetragenen Tagebüchern, Briefen (die sich man damals noch schrieb), Zeitungsberichten und reinem Hören Sagen, wodurch sich der Autor auch Hier und Da auch zu reiner Spekulation verleiten lässt, öffnen sich plötzlich, bisher fein säuberlich verschlossen gehalten,  unzählige angestaubte Nähkästchen aus jener Zeit – eine recht private, scheinbar bisher unbekannte Welt. Im Grunde bedient auch 1913 „nur“ die ewige Neugier des Menschen (Lesers), der dem Reiz des Blickes hinter die Kulissen und Fassaden, nach Klatsch und Tratsch immer wieder allzu gerne erliegt. Einem Urphänomen der menschlichen Natur, dem heute eine ganze Industrie, z.B. in Form der Regenbogenpresse, Talkshows usw., Rechnung trägt. Damals, 1913, gab es diese, in diesen Ausmaßen, eben noch nicht.

Im Grunde also nichts Neues … ? Selbstverständlich waren die Menschen, damals 1913, auch nicht viel anders als wir heute. Auch Sie wurden krank, haben geliebt, wurden von Zweifel gepackt, machten Fehler, gingen fremd, nahmen Drogen oder sich gleich das Leben. Kennen wir alles schon!

Doch eines darf man natürlich nicht vergessen und dies ist vielleicht der eigentliche Reiz dieses Buches: Auch wenn die Menschen damals eben nicht viel anders  waren – besser oder schlechter  als wie wir heute nun, die Zeit vor hundert Jahren – im Jahr 1913, unterscheidet sich dann doch eben ganz erheblich  von unserer heutigen Welt. Bei aller Neugier für den Blick dahinter und den Reiz des Andersartigen – wenn wir heute von der Drogensucht dieses oder jenes Rappers erfahren, sich ein Schriftsteller vor laufenden Kameras zu seiner Homosexualität bekennt, solche Dinge „unterhalten“ uns gemäß unserer Natur bis heute, aber es schockiert uns nicht wirklich mehr. Der ganze große Aufschrei bleibt aus. Doch 1913 wäre es undenkbar gewesen, dass sich ein Thomas Mann seinem  „Schwul sein“ auch öffentlich stellt. Er kann noch nicht einmal mit anderen darüber reden. Er macht sich Luft, in dem er sich seinen Tagebüchern anvertraut.  Aber dies ist nur Beispiel, wenn auch eines der Prominentesten.

Hinzu kommt abschließend, dass all jenen, aus deren Tagebüchern und Briefen hier allzu intimes oder  gar nur Belangloses ausgeplaudert wird, uns heute als wahrhaftige Kunsthistorische Ikonen aus dem Dunkel der Geschichte entgegen strahlen, ja durch ihr Wirken und Schaffen der einfachen Welt weit entrückt zu sein scheinen und man darüber gerne mal vergisst, dass selbst die ganz Großen, deren geistiges Erbe Unsterblichkeit erlangt hat, eben doch auch „nur“ Menschen waren.

Aber am Ende hat das Buch dann doch mehr zu bieten als nur hundert Jahre alten Klatsch und Tratsch von Liebe, Eifersucht,  fleischlicher Lust und Leidenschaft – den immer nur nervigen Musen. Es sind eben jene Nichtig- und Begebenheiten die hier, wenn auch nur kurz, Erwähnung finden und die in den großen Analen der Geschichte, wenn überhaupt erwähnt, nur eine Randnotiz wert gewesen wären. Diese machen Illies Erzählung über das Jahr 1913 nicht wirklich gehaltvoller, aber ausgesprochen charmant.

Nur einige wenige witzige Beispiele zum Abschluss, zum Thema dieses Buches: Der Louvre muss 1913 ohne sein bis heute berühmtestes Bild auskommen. Die „Mona Lisa“ wurde gestohlen und gilt als verschollen. Erst Ende des Jahres meldet sich ein Unbekannter mit Decknamen „Leonardo“ und bietet das wohl bekannteste Ölgemälde der Welt einem italienischen Kunsthändler an: Er ist der Meinung, die Mona Lisa ist ein italienisches Bild (was ja im Grunde stimmt) – es gehört somit Italien.  Am Ende landet die Dame mit dem geheimnisvollen Lächeln dann doch wieder – wir wissen es alle heute – im Louvre. Dass ein Franz Kafka auch unter Verdauungsproblemen litt ist kein wirklich epochales Ereignis –  dass ein Gottfried Benn sich aber aus den Untiefen der Pathologie in die Literatur stürzte, könnte zumindest seine erschreckend morbiden Gedichte und Erzählungen in ein halbwegs erklärbares Licht rücken. Und ja, ein Rilke, immer verschnupft und krank, bezaubert die Frauenwelt – wenn auch nur mit Worten. Er bekommt Angst wenn sich diese dann tatsächlich mal ausziehen, resümiert der Autor – sowie eben ein Kafka auch, während der gutbürgerliche Thomas Mann womöglich seine nächtlichen Pflichten  gegenüber seiner jüdischen, allzu schönen und reichen Katia immer wieder nur als Qual empfand und dennoch fünf Kinder zeugte.

Wenn man das alles nicht sowie schon weiß,  da man im Grunde all die endlosen Biografien und Rezensionen über die mittlerweile in Marmor gemeißelten Götter der Kunst und Kultur bereits verschlungen hat, bietet 1913 nicht mehr als einen liebevoll gestalteten Rundumschlag – gänzlich oberflächlich vielleicht, aber dennoch doch hoch unterhaltsam. Mehr will das Buch auch nicht sein und kann es auch nicht!

1913 ist auch das Jahr, in dem Camille Claudel, die bis heute wohl bedeutendste und begnadetste Bildhauerin der Geschichte, zudem eine allzu betörende Schönheit ihrer Zeit, die sogar Ihren einstigen Liebhaber, den großen Rodin, vielleicht in Bedeutung und Ruhm noch hätte übertreffen können, auf ewig weggeschlossen wurde.  Nun, 1913, ist sie weg – für immer.

Das Leben und die Welt an sich ist nun mal nie gerecht und die Zeit lehrt uns zudem das Vergessen. Und da kommt eben dieses eine Buch – genau zur Rechten Zeit!

1913 – Marika Rökk wird geboren.

 

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