
Weserkurier, Dezember 1991 – das genaue Erscheinungsdatum des Artikels konnte nicht mehr ermittelt werden.
Der 1962 in Hilden geborene, an der GHS Wuppertal als Grafiker ausgebildete Künstler Andreas Noßmann, den die Galerie Bollhagen im Kunstzentrum Alte Molkerei Worpswede vor einem Jahr schon einmal mit einer kleineren Werkauswahl vorgestellt hat, erweist sich, wie auf den ersten Blick zu erkennen war, in zunehmendem Maße als phänomenaler Zeichner. Mit ungewöhnlichem Fleiß hat er in wenigen Jahren ein ungeheuer umfangreiches Œuvre geschaffen und in einer ganzen Reihe von Katalog- und Buchpublikationen veröffentlicht. Darüber hinaus belegt seine virtuose zeichnerische Begabung, die von einer geradezu abenteuerlichen Phantasie beflügelt wird. Unter den satirischen Zeichnern der Gegenwart ist Noßmann unbestritten einer der provokantesten. Die grotesken Figurationen des Künstlers belustigen und schockieren als menschliches Bestiarium voller Erotik, Irrwitz und Grausamkeit.
Eine weit umfangreichere Präsentation seines Schaffens ist jetzt bis Ende Januar wieder in der Galerie Bollhagen zu besichtigen, vorwiegend bestückt mit neuesten Zeichnungen und Radierungen, in denen Noßmann in plastischer Form mit den scheinbar harmlosen Märchen von Schneewittchen und Rotkäppchen, Hänsel und Gretel und Rumpelstilzchen auseinandersetzt. Für Kinder sind diese Illustrationen nicht geschaffen. Der Künstler attackiert in seinen Arbeiten die psychologische Hintergründigkeit der Grimmschen Märchen und setzt sie im wahrsten Sinne des Wortes bildlich bloß. Nicht anders verhält es sich in seinen phantasisch-skurrilen Szenarien, in denen er Spießbürgerlichkeit und Unmoral, von den Taubenzüchtern bis zu Päpsten und Politikern, hart aufs Korn nimmt und niemanden vor Moral, Gaunerei, Narren und anderen Außenseitern der Gesellschaft verschont. Das Allerlogischste an diesem grausigen Spiel des eben 29‑jährigen Künstlers mit Nachfahren von Goya und Hogarth ist seine zeichnerische Virtuosität. Als besonderer Zeichner steht er zwischen Horst Janssen und Alfred Hrdlicka, freilich mit einer unverkennbar eigenen Handschrift.
Ganz aus dem Rahmen fallen die wenigen Skulpturen des in Achim ansässigen Autodidakten Jürgen Maisenbacher, der eigentlich Physiologische Chemie/Biologie studiert hat und in Tübingen zum Dr. rer. nat. promoviert wurde. Was 1970 als Hobby-Bildhauerei begonnen hat, ist inzwischen zu einem charakteristischen Werk angewachsen. Maisenbacher gestaltet aus dünnen Metallstäben und geschnittenen Blechen merkwürdige Kompositionen zwischen Figürlichem und Abstraktem. Seine dürren Gestalten wirken wie Zwitterwesen von Mensch und Vogel; sie tragen oft zierliche Brillengestelle auf ihren schnabelartigen Nasen. Ihre groteske Erscheinung entbehrt dabei jeder Lächerlichkeit und fordert dennoch ein schmunzelndes Einverständnis heraus.
Gänzlich unproblematisch wirken in diesem Rahmen die farbengesättigten Blumenbilder und Aquarelle von Ingeborg Straubinger. Sie beherrscht die Mittel nicht nur oberflächlich ansprechender Farbkomposition, sondern löst sich in einigen Blättern vom Gegenständlichen und setzt Formen abstrakt ein.
Günter Heiderich

