




Die zweite Fassung zu diesem Thema verschiebt die Perspektive radikal. Hier wird der Aufstand körperlich, eruptiv, beinahe ungestüm. Die Hühner sind nicht länger Symbole eines inneren Bruchs, sondern Akteure eines äußeren Geschehens. Bewegung dominiert das Bild: Flügelschläge, Krallen, ein kollektives Vorwärtsdrängen. Die Rebellion ist nicht mehr Idee, sondern Handlung. Während die erste Fassung die Tragik des Opfers betont, zeigt die zweite die Energie des Schwarms. Die Hühner wirken weniger wie Märtyrer und mehr wie eine Naturkraft, die sich Bahn bricht — unkoordiniert vielleicht, aber voller Dringlichkeit.
Diese beiden Zeichnungen offenbaren zwei komplementäre Lesarten des Aufstands. Die erste Fassung erzählt von der Erkenntnis, die zweite von der Konsequenz. Die erste zeigt den Moment, in dem das Unrecht begriffen wird; die zweite den Moment, in dem es nicht länger ertragen werden kann. Zusammen bilden sie eine Art Diptychon des Widerstands: die stille, symbolische Verdichtung und die körperliche, emotionale Entladung.
In beiden Fällen bleibt der Bezug zu Orwell spürbar, doch deine Arbeiten lösen sich zugleich von der literarischen Vorlage und öffnen einen eigenen Raum. Der Aufstand der Hühner wird nicht nur als Episode eines politischen Gleichnisses sichtbar, sondern als universelles Bild für die fragile Grenze zwischen Ohnmacht und Handlung, zwischen Erkenntnis und Aufbruch.
So entsteht aus zwei Fassungen ein vielschichtiges Tableau, das weniger eine Geschichte illustriert als eine innere Bewegung sichtbar macht — jene Bewegung, die jeder Revolte vorausgeht und aus der sie zugleich hervorgeht.

Bleistift, Farbstift, Aquarell
Wvz. 5477
Format: 350 x 500 mm
April 2026
