

Galerie Bollhagen: Giuseppe Medagli und Andreas Nossmann
Die Galerie Bollhagen im Kunstcentrum Alte Molkerei Worpswede konfrontiert ihre Besucher mit einer Doppelausstellung, die kaum kontrastreicher hätte ausfallen können. Der eine Teil ist dem italienischen Maler Giuseppe Medagli gewidmet, der seit beinahe zehn Jahren schon in Wuppertal lebt, in der selben Stadt, in der auch Andreas Nossmann zu Hause ist. Über den gemeinsamen Wohnsitz hinaus haben die beiden Künstler allerdings nichts, absolut gar nichts miteinander zu tun, es sei denn, man wollte die ganz unterschiedliche Anlehnung an kunsthistorische Traditionen als geistverwandte Grundhaltung ihres jeweiligen Schaffens auffassen.
Giuseppe Medagli, 1956 in Neapel geboren, bekennt sich zu klassischer Malerei. Seine Arbeiten beruhen weitgehend auf Zitaten aus den Werken der italienischen Renaissancekunst und des Manierismus. Man könnte ihn als einen Vertreter der Postmoderne bezeichnen. In der Themenwahl wie im Stil erscheint seine Malerei historisierend, wenn da nicht immer gleich auch ein großes Mißtrauen gegenüber der Wirklichkeit seiner Vorbilder spürbar würde. Dieses Mißtrauen drückt sich in der fragmentarischen Wiedergabe klassischer und klassizistischer Bildvorlagen aus, die, altmeisterlich gemalt, allegorische und mythologische Motive beinhalten. Die von Raffael, Michelangelo, Rubens oder Ingres geschaffenen Göttergestalten wie „Zeus und Amor“, „Venus und Aurora“, „Apollon“ und „Daphne“ leben in diesen Bildern bruchstückhaft aus der Erinnerung wieder auf, wie in Resten zerstörter Fresken, die durch den Restaurator rekonstruiert werden müssen.
Medagli verpackt seine Bilder partiell mit Papp- und Papierfolien, an Ausschnitten aus Teile der dargestellten Darstellung freigeben. Seine Arbeiten sind in mehreren Schichten angelegt sowohl in Bezug auf das Verhältnis von Malgrund und Materialmontage als auch im Hinblick auf den Kontrast zwischen altmeisterlicher Malerei und den hinzugefügten Partien. Die Malerei selbst wird in ihrer Authentizität vom Künstler auf frappierende Art in Frage gestellt.
Die Überraschung der Ausstellung heißt aber nicht Giuseppe Medagli, sondern Andreas Nossmann. Der 1962 geborene Künstler ist ein außergewöhnlicher Zeichner, der mühelos in Konkurrenz treten kann zu anderen großen Meistern des Zeichenstifts von Wilhelm Busch bis zu Janssen, von Goya bis Hrdlicka. Busch ist der augenzwinkerischste, Nossmann mit seinen frech erotischen Zeichnungen über den jungen Mozart ziemlich nahe kommt. Nossmann ist jedoch kein Epigone, er besitzt eine bemerkenswerte Eigenart, eine Handschrift, die unverwechselbar ist. Mit ironischer Spontaneität des Blei- oder Federstrichs zeichnet er seine Figuren, an denen auf skurrile Art gesellschaftliche Grundsituationen entlarvt. In größeren Serien oder Zyklen behandelt er die unterschiedlichsten Themen. In der Ausstellung sind also vor allem die Reihe der Zirkusdarstellungen und die Arbeiten aus der Serie „Philharmoniker“ mit expressiven Musikerkarikaturen. Bleistift und Feder geraten bei Nossmann selbst in Ekstase und wirbeln in den zeichnerischen Bewegungen auf den farbigen oder colorierten Papieren auf. Der „Dirigent“, „Pianist“ oder „Geiger“ lösen sich gleichsam in musikalischer Erregung auf.
Nossmanns komisch satirische Zeichnungen sind dabei keineswegs bloß spaßhaft gemeint. Sie stellen schonungslos menschliche Verhaltensweisen heraus, in denen das Lächerliche und das Tragische dicht voneinander zu trennen sind. Die Zirkusszenen enthalten wenig Belustigendes; die Clowns und Gaukler treiben darin ein zuweilen recht grausames Spiel. Nicht zufällig hat sich der Künstler mit Goyas „Caprichos“ auseinandergesetzt, man darf ihn zugleich getrost in die Tradition des französisch-lothringischen Radierers und Kupferstechers Jacques Callot gestellt sehen.
Nicht bloß nebenbei ist noch zu erwähnen, daß der Worpsweder Schmuckkünstler Reinhard Brandau in der Ausstellung eine Reihe von Plastiken zeigt, mit denen er sich seit kurzer Zeit beschäftigt. Wie seine Schmuckobjekte verwendet er Schiefer und Holz in Verbindung mit Blattgold und sparsam gesetzten Farben. Seine Arbeiten zeichnen sich durch Materialschönheit, handwerkliche Präzision und künstlerische Eigenständigkeit aus.
(Weser Kurier – 21.04.1990)
