
Sehenswerte Ausstellung der Galerie Schütte: Gille – Noßmann – Inger
KETTWIG. In den Räumen des Kettwiger Galeristen Gerd Schütte läuft noch bis zum 31. August eine sehenswerte Sommerausstellung. Wer sommerlich‑heiteres erwartet, liegt falsch. Gerd Schütte: „Ich mag keine Bilder, die einen nicht anspringen.“
Im Grunde genommen handelt es sich um drei Einzelausstellungen, deren gemeinsames Arbeitsmaterial Papier ist – mit Werken von Sighard Gille, Andreas Noßmann und Gereon Inger. Gereon Inger, ein Mann mit ungeheurer Phantasie, hat in einem Lagerraum der Galerie die Installation „Stromschnelle“ eingerichtet. Sighard Gille, Leiter einer Malklasse der Leipziger Akademie, setzt tagesbuchartig aktuelle Ereignisse in ausdrucksstarke Aquarell‑ und Kreidebilder um, etwa den Abtransport der Chemiewaffen aus dem Hunsrück.
Andreas Noßmann, einem breiten Publikum durch seine Plakate zu „Orpheus in der Unterwelt“ und „Die lustige Witwe“ für das Aalto‑Theater bekannt, stellt höchst eindringliche Federzeichnungen aus – unter anderem Variationen zu den gesellschaftskritischen Caprichos von Goya. „Entweder sind die Leute nach einer halben Minute wieder draußen oder sie bleiben gleich eine Dreiviertelstunde drinnen“, fasst Gerd Schütte die Reaktion der Galeriebesucher auf die Installation „Stromschnelle“ von Inger zusammen.
Der Künstler mit abgeschlossenem Kunst‑ und Philosophiestudium arbeitet an Miniaturen. Ein Mann, der ein Faible für Quadratzahl 64 hat – er bringt zum Beispiel das „Vater unser“ in 64 Sprachen, das Wort „Pfennig“ vom 64‑Pfennig‑Stück mit einem Kirschkern unter – gemalt auf Fahrkarten und Eintrittsblättern.
In seiner Bildinszenierung „Stromschnelle“ hängt er acht mit Glühbirnen verbundene Objekte im Abstand von 32 Zentimetern diagonal in den Raum. Außerdem sind nach genauem Plan weitere 16 Werke verteilt, zum Beispiel „Die wunderbare Fischvermehrung“, eine Spielerei mit je nach Blickwinkel ein bis drei Fischen unter einem Prisma. Eine mit Wasser gefüllte Glühbirne vergrößert den auf einem Billet gemalten „Tibetansichen Gebetsmüller“. Eine Installation, die Spaß macht, wenn sich der Betrachter auf die Odyssee durch den verkabelten Raum einlässt.
Zupackender Biß Sighard Gille ist zum ersten Mal in einer westdeutschen Galerie zu sehen. Der Künstler thematisiert den Menschen in seinen Zwängen, die von außen auf ihn einwirken. Zu sehen sind Selbstporträts, eines davon mit Gasmaske, die den Menschen darunter stark verfremdet.
Brillant der zupackende Biß in den politischen Arbeiten des Malers. In der vieldeutigen Federzeichnung „Rücktritt“ verschlüsselt der Künstler mithilfe eines Fahrrades das Ende des DDR‑Regimes.
Die neuesten Arbeiten von Andreas Noßmann sind noch dichter, noch stärker ausgearbeitet als seine bisherigen. Dem raubvogelartigen Blick der Noßmann‑Gestalten kann sich kein Betrachter entziehen. Noßmann hat eine unglaubliche zeichnerische Palette, kann mit wenigen Strichen einen Gesichtsausdruck vollkommen verändern. Kunstkenner sind immer wieder über die zeichnerische Reife des 29‑Jährigen überrascht.
Die Variationen zu Goyas Caprichos weisen auf eine Ausstellung der Galerie im November hin. Dann wird der Galerist in der Bornstraße 15 Goyas Grafiken den Variationen Noßmanns gegenüberstellen.
Geöffnet: mittwochs bis freitags 15.30 bis 18.30 Uhr, samstags von 11 bis 14 Uhr.

