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Der Steinmetz – Leseprobe Teil 1

>>> Leseprobe Teil 2

Wie jeden Sonntag, wie immer pünktlich um elf Uhr, stand Bertrand, gänzlich in Gedanken versunken, am Grab seiner Frau Francoise auf dem Zentral Friedhof von Paris. Und obwohl er nun schon seit vier Jahren immer wieder zur gleichen Zeit hierher kam, um seiner Frau, dem gemeinsamen Leben mit ihr und vielleicht auch ein wenig sich selber zu gedenken, hatte er sich zuvor mal wieder einmal, wie immer eigentlich am Sonntagvormittag, verlaufen, das Grab seiner Frau abermals nicht gleich wieder finden können. Denn jedes Mal, wenn er die Pforte, hin zu den auf ewig Ruhenden passierte, verlor er schlichtweg ganz einfach die Orientierung. Immer wieder schien ihm plötzlich alles anders, ja, ganz anders, hier auf dem altehrwürdigen Pariser Friedhof. Uralte knochige Bäume, die allesamt um Jahrzehnte älter sein durften als jeder hier ruhender Gast und vermutlich hier schon zu Napoleons Zeiten standen, schienen so mir-nicht-dir nichts, ganz einfach mal plötzlich die Plätze vertauscht zu haben, die alten Wege, sobald mal halbwegs vertraut erscheinend, wie neu verlegt, gänzlich auf einmal in andere Richtungen weisend, wie noch die Woche zuvor. Dieser riesige Friedhof entnervte Bertrand jede Woche aufs Neue; gab sich diese vermeintlich letzte Ruhestätte doch eher wie ein sich allwöchentlich selbst neu erfindendes Labyrinth oder gar wie ein seltsames Rätsel, welches für das immer gleiche Ergebnis immer wieder neue Lösungswege einforderte.

Im ersten Jahr, nach dem Tod von Francoise, ignorierte er dieses Phänomen, diese befremdlichen Sinnentäuschungen auf dem Zentral Friedhof, wie immer Männer alles Unangenehme, gar rational Unerklärbares, allzu gerne links liegen lassen. Im zweiten Jahr allerdings begann er langsam zu grübeln und eine allzu beklemmende Ahnung beschlich ihn in zunehmenden Maße. Vielleicht war es seinem jahrelangen Hang hin zum Alkohol zuzuschreiben, vor allem Pastis und guter Rotwein, schon ab Mittag, hatte es ihm besonders angetan, dass ihm zu immer gleicher Stunde, am immer gleichen Tag, sein Verstand ins Wanken geriet. Somit befürchtete er schon, zunehmend an dem sogenannten Korsakow Syndrom zu leiden, welches im Grunde nichts anderes bedeutet hätte, dank dem Übermaß an Alkohol, schlichtweg auf Dauer zu verblöden, irgendwann nicht mehr koordinieren zu können, wo rechts und links oder oben und unten – und ab einem bestimmten Stadium der Erkrankung, nicht mehr zu wissen wer man selber ist; geschweige denn, sowas wie Freunde oder Bekannte wieder erkennen zu können – wenn Bertrand denn welche zu diesem Zeitpunkt noch gehabt hätte. […]

>>> Leseprobe Teil 2

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