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In einem Atemzug mit Goya, Busch und Janssen

Die Städtische Galerie Filderstadt zeigt Arbeiten des jungen Zeichners Andreas Noßmann

Andreas Noßmann hat eine Bilderbuchkarriere hinter sich. Innerhalb von drei Jahren ist der 28jährige zu einem der gefragtesten Grafiker in der Bundesrepublik geworden. Vielleicht eines der schönsten Geburtstagsgeschenke muß es für. Alfred Schürmann, Leiter der Städtischen Galerie in Filderstadt, gewesen sein, daß er just an seinem 55. Geburtstag die 25. Ausstellung unter seiner Regie eröffnen konnte – diesmal mit Zeichnungen und Radierungen Noßmanns.

Mit Lob wird der bei Wuppertal lebende Künstler geradezu überhäuft und als Zeichner gar in einem Atemzug- mit Goya, Busch und Janssen genannt. Noßmann hat schnell zu einer eigenen Formensprache gefunden. Typisch für seine Arbeiten ist die souveräne Strich, mit der er seine vor Vitalität strotzenden Figuren zum Leben erweckt. Sie führen den Betrachter in die Randzonen der menschlichen Existenz, wo Triebhaftigkeit und Lüsternheit regieren. Im Capricho (Laune), nach dem Vorbild Goyas, hat der Zeichner die ihm entsprechende Form gefunden. Hier heben der launige Einfall und die plötzliche Idee das Gleichgewicht der Welt aus den Angeln.

Die meisten der älteren Arbeiten Noßmanns umkreisen das Phänomen des legendären Geigenvirtuosen Paganini, in dem der Künstler den „Teufelsgeiger“ sieht, der ein „einsames Spiel mit sich selbst und dem Instrument treibt. Die schrillen und grotesken Szenen erscheinen als Spiegelbild der von Leidenschaften zerrissenen Seelenwelt des Musikers. Hier können sich Geige und Bogen zum sadistischen Folterinstrument verwandeln. Sind die Ursprünge dieser zumeist großflächigen Zeichnungen, in denen die im freien Raum schwebenden Figuren eher skizzenhaft ausgeführt sind, aus dem Design – Noßmann hat in Wuppertal Kommunikationsdesign studiert – noch nicht zu übersehen, so wird in den jüngeren Arbeiten („Zirkus-Zyklus‘ und „Variationen zu Goya‘) der Trend zu einem kompositionell ausgereiften Gestalten deutlich. In ihrer vollen Körperlichkeit entfalten die am Rande der Gesellschaft lenbenden Personen ein ausschweifendes und zügelloses Leben – ein verwirrendes und bestechendes Spiel mit den Abgründen menschlichen Handelns.
(Im Bürgerzentrum Bernhausen; Mo, Di, Fr 15 bis 18 Uhr, So 15 bis 17 Uhr).
Rainer Lang

(Stuttgarter Zeitung – 09.10.1990)