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Kurvenreiche Stricheleien im pechschwarzen Asphaltlack

Text Ausschnitt:

Ein wenig vorgebeugt sitzt Andreas Noßmann an der Kupferplatte, die linke Hand führt die Radiernadel mit einer Mischung aus Konzentration und körperlicher Spannung. Jeder Strich muss sitzen, denn die Radierung erlaubt keine Korrekturen. Die pechschwarze Asphaltlackschicht, die die Kupferplatte bedeckt, zeigt jeden Fehler gnadenlos. Noßmann arbeitet mit einer Präzision, die aus jahrelanger Übung stammt, und mit einer Ruhe, die fast meditativ wirkt.

Die Radierung ist eine alte, anspruchsvolle Technik, die der Ennepetaler Künstler mit Ironie und feinem Witz belebt. Seine Figuren wirken oft wie Momentaufnahmen zwischen Ernst und Absurdität, zwischen Körperlichkeit und gedanklichem Spiel. Die Linien sind kurvenreich, die Schatten dicht gesetzt, und doch bleibt die Darstellung leicht und lebendig. Noßmanns Arbeiten zeigen Menschen in Situationen, die gleichzeitig alltäglich und überhöht wirken, und die durch die Strichführung eine besondere Spannung erhalten.

Er zeichnet mit der linken Hand, was seinen Bewegungsrhythmus prägt und den Bildern eine eigene Handschrift verleiht. Die Kupferplatten, an denen er arbeitet, sind oft von großer Dichte; jede Linie trägt zur Komposition bei. „Man muss wissen, wann man aufhört“, sagt er, denn ein überzeichneter Strich würde die gesamte Platte verderben.

Sein Atelier teilt er mit dem Bildhauer Gerrit D. Klein. Während Klein großformatige Skulpturen aus Ton und Gips formt, arbeitet Noßmann an feinen Kupferplatten. Zwei Welten, die gegensätzlich erscheinen, aber sich gegenseitig inspirieren: die massive Form und die filigrane Linie.

Noßmanns Radierungen tragen eine feine Ironie, ohne ins Zynische abzurutschen. Sie erzählen von Menschen, von Bewegung, von dem Moment zwischen Gedanke und Tat. Seine Figuren wirken manchmal wie Karikaturen, aber nie bloß verspottend; sie bleiben menschlich, verletzlich, lebendig. Die Arbeiten zeigen eine Mischung aus technischer Perfektion und erzählerischer Leichtigkeit, die den Betrachter zum genauen Hinsehen zwingt.

Der Künstler hat sich in den letzten Jahren intensiv mit der Radierung beschäftigt und eine persönliche Handschrift entwickelt, die sich deutlich von klassischen Kupferstichen unterscheidet. Seine Linien sind frei, aber kontrolliert, seine Schatten dicht, aber nie schwer. Die Radierungen wirken wie kleine Geschichten, die sich erst beim längeren Betrachten erschließen.

(Westfalenpost – 04.05.1991)