Noßmanns Mystiker scheinen in Musikinstrumente zu steigen

Noßmanns Mystiker scheinen in Musikinstrumente zu steigenTaunus Zeitung (FNP), 10.03.1990
Von Michael Kluger Oberursel. –
In der Galerie von Eva Wolf-Bütow (Liebfrauenstraße 9) gibt es derzeit Außergewöhnliches zu sehen.

Andreas Noßmann, 1962 in Hilden geborener, heute in Ennepetal bei Wuppertal lebender Künstler, zeigt dort unter dem Motto „Tischgefitzel und Anderes“ lavierte, das sind mit verlaufenden Farbflächen kolorierte Federzeichnungen und Radierungen. „Tischgefitzel“ ist der Titel zweier Arbeiten, die , wer möchte, auch Stilleben nennen darf. ! Tischgefitzel“ meint für Noßmann zugleich „Tischabfälle“, also kleine ästhetische Etüden, unbeschwerte Versuche, verspielte Capriccios neben den großen konzeptionell verbundenen Werkzyklen.

Motivisch eng verknüpft sind gleichwohl auch die meisten Werke, die in der Galerie „L9“ zu besichtigen sind: Ihr Thema ist die Musik, besser der „Dämon“ der Musik und die von ihm Gezeichneten, von ihm Besessenen. Die Gestalten, die sich auf Noßmanns aquarellierten, oft mit Pastellstrichen versehenen Federzeichnungen und Radierungen über ihre Musikinstrumente beugen, ja sich geradezu in sie hineinbegeben, um aus ihnen Töne herauszupressen, sind allesamt extreme Figuren: Mystiker, Berauschte, Wahnsinnige, Versonnene, Ekstatische.

Mit grotesk verzerrten, von tiefen Falten zerfurchten Zügen, in verkrampfter Körperhaltung umklammern sie ihre Celli. Ihre knochigen, sehnigen Hände greifen in die Klaviatur, halten, als ob sie zitterten, die Flöten. Ihre Augen sind geschlossen oder flackern irr. Sie sehen nichts. Und es scheint, als seien all diese genialischen, bis zur Krankhaftigkeit überspannten Künstler- und Virtuosengestalten selbst nur Traumgeburten, als müßten sie, sobald der letzte Ton verklungen ist, auch selbst verschwinden. Oft befinden sie sich am Rand, ragen schief und mit schwerem, gesenktem Haupt ins Bild: Verquälte, Grenzgänger in surrealen Räumen, stets in der Gefahr, ganz aus dem Bild zu stürzen und in finster leuchtenden Farbnebeln sich aufzulösen.

Tatsächlich, was Noßmann sagt, ist kaum zu übersehen: Dieser „Dirigent“, dieser „Mystiker“, dieser Mann am Klavier („Piano“) haben kein konkretes Vorbild in der Wirklichkeit, sie sind Erfindungen, Verkörperungen innerer Zustände, Bild gewordene Gemütslagen. Das macht sie interessant und die Ausstellung in der „L9“ zu einem „Muß“ für Kunstfreunde.

Selten, daß ein junger Künstler die Balance zwischen tödlichem Ernst und unerträglicher Leichtigkeit so glücklich hält wie Andreas Noßmann, selten, daß technische Fertigkeiten und Ausdruckswille so zur Deckung gelangen. Geöffnet bis 7. April: Donnerstag und Freitag 15-19 Uhr, Samstag 11-14 Uhr und nach Vereinbarung, Tel. (06171)53986.

Taunus-Zeitung (FNP), 10.03.90

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