Spitze Feder schafft den Spiegel

Spitze Feder schafft den SpiegelMarktkirche zeigt 17 Noßmann Werke – Stubengalerie präsentiert Ergänzungen

Die „theologische Seite des Ausstellungsthemas“, die 7 Todsünden, hat der Kunstausschuss der Marktgemeinde sofort erkannt. Da scheint es fast ein wenig verwunderlich, dass es unter den zahlreichen Ausstellungen des Zeichners Andreas Noßmann das erste Mal ist, das seine „Todsünden-Werke“ in einer Kirche, einem sakralem Raum, gezeigt werden – oder?

Auch die Marktkirche hatte nicht den Mut, alle Werke Noßmanns zu zeigen und lagerte eines in die Stubengalerie aus. Vielleicht war es aber auch keine Frage des Mutes, sondern der Rücksichtnahme auf die Gefühle derjenigen Kirchenbesucher, die in einem Kirchengebäude das nicht finden sollen, was sie dort nicht finden wollen – dazu gehören nach der Entscheidung der Pfarrer allzu freizügige Darstellungen von Wollust und Unmäßigkeit. Fällt die Ausstellung der 7 Todsünden, wie Pfarrer Ralph Beims augenzwinkernd anmerkte, bewusst in die „Propst-lose Zeit“?

Nun, der jüngst verabschiedete Propst hätte wohl nichts dagegen gehabt. Sicher ist: Die am Freitag im Beisein des Künstlers eröffnete Ausstellung wird in Goslar wieder für Gesprächstoff sorgen.

Mit dem Verweis auf die Dämonen in der Taufkapelle machte Pfarrer Ralph Beims in seiner theologischen Einführung deutlich, dass auch die Kirche selbst nicht frei ist von derartigen Darstellungen; sie haben eben nicht nur die Tugenden sondern auch die Sünden aufzuweisen. Mancher Ausstellungsgast machte sich später auf die Suche.

Charaktereigenschaften und Missstände in der Gesellschaft sind die Ursachen von Sünden. Im evangelischen Verständnis gehe es um die radikale Einsicht, dass der Mensch ein Sünder ist – was auch vor „Gutmenschen“ nicht Halt macht, die Fehler stets bei anderen sehen. „Mögen uns die Bilder vor allem immer wieder selber den Spiegel vorhalten“, so Beims.

„Wer kann derart furios zeichnen?“ lenkte Gudrun Tiedt den Blick auf den Künstler Noßmann, der mit der linken Hand zaubern kann und 1994 das erste Mal in der Goslarer Stubengalerie ausstellte, die auch das Schockierende, Schonungslose dieser spitzen Feder nicht verhelte. Tiedt ging auf die zunehmende Macht der Bilder ein und zitierte Dr. Peter Steiner, der die Wiederkehr der Religion in die Kunst mit dem Scheitern der Paradiesversprechen erklärte. Die zutiefst existentiellen Fragen nach Leid, Leben, Liebe, Tod, Rache, Gier, Wollust, Sex seien Fragen der Kunst – wie in Noßmanns 7 Todsünden. Wer, wenn nicht Noßmann, könne dieses Thema „so überbordend, so erschreckend, so berührend bearbeiten“?`

von Sabine Kempfer (Goslarer Zeitung)

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