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Barbarisch und träumerisch

Andreas Noßmann im Bürgerzentrum Bernhausen – Große Matinee mit Orchester‑Konzert und Vernissage

Filderstadt. Gleich dreimal Grund zum Feiern gab es in der Städtischen Galerie Filderstadt im Bürgerzentrum Bernhausen: Zum einen stand als Premiere ein großes Morgenkonzert mit dem „Deutschen Kammerorchester – Künstler der Filder“ auf dem Programm. Die Begeisterung beim Publikum über die glanzvolle Matinee des Ensembles, das zum ersten Mal öffentlich in Filderstadt auftrat, war so groß, dass Orchester und Solistinnen den Zeitplan kräftig durcheinanderbrachten.

Zum zweiten feierte Galerieleiter Alfred Schürmann mit dieser „synästhetischen Matinee“ einen – zugegeben nicht ganz runden – Geburtstag. Immerhin ergebe ja wenigstens die Quersumme von 55 eine runde Zehn, rechtfertigte sich der Jubilar. Oberbürgermeister Dr. Peter Bümlien nutzte die Gunst der Stunde, um dem Galeriechef im Namen des Gemeinderats und der Stadtverwaltung für die geleistete Arbeit zu danken.

Um den „integrierten Kunstvormittag“ perfekt zu machen, wurde auch noch die jüngste Ausstellung in der Städtischen Galerie eröffnet. Schon im Vorfeld war der Künstler Andreas Noßmann mit Vorschusslorbeeren à la „einer der besten Zeichner unserer Zeit“ überhäuft worden. Jetzt konnten sich die Vernissagegäste selbst ein Bild von der Qualität seiner Arbeiten machen – und die Veranstalter hatten nicht zu viel versprochen.

Peter F. Schaden von der Stuttgarter Kunstakademie lobte die Vielschichtigkeit des „mit allerlei subtiler Energie geladenen Kunstwerks“ des noch nicht einmal 30‑jährigen Andreas Noßmann, dessen Arbeiten mehr seien als „die Virtuosität von Stift, Feder und Pinsel in meisterlicher Handhabung“. Mit Radiernadel, Farb‑ und Zeichenstift überdenkt Noßmann sein eigenes Verhältnis zu Geschichte und Kunstgeschichte. Ein Maler wie Goya, ein Musiker wie Paganini, ein Komponist wie Mozart – und Noßmanns Bilderzählungen.

Skurril und grotesk, barbarisch, träumerisch, spielerisch – kaum kann man sich sattsehen an den überbordenden Signen und Zeichen in Noßmanns Arbeiten. Die rote Nase und der spitze Hut in der Welt der „Puppenspieler, Gaukler, Clowns und Lilliputs“ – ein zeichnerischer Trommelwirbel ohne Netz und doppelten Boden, Ausflüge in das Irrationale im Zeitalter der Vernunft.

An die großen Zeichner fühlten sich die Gäste in Bernhausen erinnert, ohne freilich an der Eigenständigkeit und Originalität von Noßmanns Arbeiten zweifeln zu wollen: Honoré Daumier, James Gillray oder Horst Janssen heute – Zeichner mit der spitzen Feder des Karikaturisten, mit einem lachenden und einem weinenden Auge in den Grenzbereichen von Gesellschaft, Alltag, Politik und Kunst vorstoßend. Tragisch und komisch zugleich, mal lächerlich‑despektierlich, oft aber auch schwermütig‑betäubt.

(Gaby Weiß)

(Esslinger Zeitung – 01.10.1990)