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Die Welt ist eine ganz große Eselei

Von Ulrike Merten

Macht und Mickrigkeit, Lug und Trug, Tod und Teufel – Andreas Noßmann packt sie alle bei den Hörnern und schwört dann heilig auf seine spitze Feder. Ein exzellenter Zeichner alten Stils ist er, der erst 31‑jährige Künstler, der Versatzstücke des spanischen Malers Goya und des französischen Karikaturisten Daumier mit der eigenen, explosiven Phantasie verquirlt. Wie exzessiv Noßmann der Teufel reitet, das zeigt der Arme in seinem Bild „Nachtreflexe“. In Schlafmütze hockt das Opfer Künstler am Bettrand im blau‑violett getupften Dämmerlicht, die typische Zigarette im Mundwinkel. Und um ihn her wimmelt der Veitstanz der Dämonen.

Noßmanns aquarellierte Federzeichnungen stellt die Galerie Blaeser, Bilker Straße 5, aus (vom 10. 8. und vom 17. 8. bis Anfang September).

Absonderliche Gestalten, das Groteske reizt den Künstler – hier findet sich der Galerie. Die Ausstellung gibt einen Überblick über drei produktive Jahre. Bürgerzylinder, Henkerkappen, General‑ oder Bischofsmützen und spitze Clownhüte prägen die Helden des gebürtigen Hildeners. Sie schlurfen, krümmen und winden sich in der Tracht des 19. Jahrhunderts. Ganz selten schleichen sich moderne Requisiten wie Rollschuhe oder eine Kamera auf dem Stativ als aktuelle Zitate in die Szene.

Noßmann reißt die Narrenkappe ab – und zeigt dahinter die wahre Fratze. „Eine wahrhaft königliche Vorstellung“: Ironisch katapultiert er die Herrscher ins Märchenmilieu. Der Despot lümmelt sich mit Geknechteten auf dem Thron, der gefesselte Soldat mit aufgestülptem Gauklerhut zündet die Kanone, während ihm der Kirchenfürst gefällig ergeben das Hinterteil küsst. Wild und temperamentvoll muss die Feder übers Papier geflogen sein. Schraffuren kreisen die Körper ein, fesseln sie, verstricken sie. Die verhaltene Kolorierung mit dem Pinsel verstärkt die plastische Wirkung der Zeichnungen.

Lächerlich, leidend, verlogen und gemein, verschaukelt und vergaukelt – so entblößt Noßmann das menschliche Szenario. Nur in seiner Arbeit „Auf Freiers Füßen“ ist ihm die nackte Schöne ein wenig ausgerutscht und zur kitschen Barbie‑Puppe geraten. Das Häßliche liegt Noßmann eben sehr viel näher. Wie in seiner „großen Eseleï“. Da buckeln schrumpflige Greise ächzend schwergewichtige, gekrönte Maultiere. Und wieder bringt sich der Künstler selbst ins Spiel. Diesmal sitzt er am Ateliertisch, den Kopf in eine grobe Zwinge gedrückt. Qualvoll erzwungen ist die „Balance der Feder“.

NRZ, 1993 – das genaue Erscheinungsdatum des Artikels ließ sich leider nicht mehr ermitteln.