







Rein formal wollte ich eigentlich am Ende ein anderes Ergebnis – aber manchmal kommt es — während der tagelangen Entwicklung einer solchen Zeichnung – dann doch mal anders, weil es sich einem förmlich aufdrängt von der ursprünglichen Idee doch besser abzuweichen. Diese Zeichnung ist fast schon Malerei geworden – nur mit Bleistift und ein wenig Farbe. Dieses doch recht klassische Motiv hat mich im Grunde geradezu dazu genötigt!
Die Geschichte von Judith und Holofernes gehört zu den eindrucksvollsten Erzählungen der biblischen Literatur und ist vor allem im Buch Judit überliefert, das in der griechischen Septuaginta (auch griechisches Altes Testament genannt – die älteste durchgehende Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel in die altgriechische Alltagssprache, die Koine) seinen Platz fand. Sie ist keine historische Chronik, sondern eine theologisch-symbolische Erzählung, die den Mut einer einzelnen Frau gegen die Übermacht eines feindlichen Feldherrn ins Zentrum stellt. Judith erscheint darin als reiche, schöne und kluge Witwe aus der Stadt Betulia, deren Mann Manasse früh verstorben war. Gerade durch ihre Unabhängigkeit konnte sie selbst bestimmt handeln und sich ganz ihrem Glauben widmen. Sie wird als tief religiös, rhetorisch begabt und von großer Entschlossenheit beschrieben. Als die Stadtältesten angesichts der Belagerung durch Holofernes die Hoffnung verlieren und zur Kapitulation neigen, tritt Judith hervor, ermahnt sie zum Vertrauen auf Gott und entwickelt einen kühnen Plan. Sie verlässt die Stadt, begibt sich in das Lager des Feindes und gewinnt durch ihre Schönheit und Klugheit das Vertrauen des Generals. Bei einem Fest, das Holofernes veranstaltet, nutzt sie den Moment, als er betrunken einschläft, und enthauptet ihn mit seinem eigenen Schwert. Mit dem abgeschlagenen Kopf kehrt sie nach Betulia zurück, wo ihr Volk neuen Mut fasst, die Belagerer, die angesichts des verstümmelten Leichnams ihres Anführers in Panik verfallen, besiegt und Israel rettet. Judith wird dadurch zur Heldin, deren Tat in Kunst und Literatur bis heute als Symbol für Glauben, Mut und weibliche Stärke gilt.
Holofernes hingegen ist die Verkörperung der brutalen Macht, die Israel bedroht. Er erscheint im Buch Judit als assyrischer Feldherr im Auftrag von König Nebukadnezar, der einen Vernichtungsfeldzug gegen den Westen führt. Sein Charakter wird als grausam und rücksichtslos geschildert, berüchtigt für brutale Niederschlagungen und für die Strategie, Städte durch Hunger und Durst zur Aufgabe zu zwingen. In Betulia stößt er auf Widerstand, den er nicht mit Gewalt brechen kann, weshalb er die Stadt belagert, um ihre Bewohner auszuhungern. Doch seine eigene Schwäche wird ihm zum Verhängnis: Er verfällt der Schönheit Judiths, lädt sie zu einem Fest ein und verliert durch Alkohol die Kontrolle. In diesem Moment nutzt Judith die Gelegenheit und tötet ihn. So wird Holofernes zum literarischen Beispiel für den Sturz eines scheinbar übermächtigen Tyrannen, der durch Hybris und Selbstüberschätzung zu Fall kommt.
Die Erzählung von Judith und Holofernes ist damit ein Sinnbild für den Triumph des Glaubens über rohe Gewalt und für die Kraft einer Einzelnen, die durch Mut und List das Schicksal ihres Volkes wendet. Sie hat über die Jahrhunderte hinweg eine enorme Wirkung entfaltet, sei es in der christlichen Typologie, wo Judith als Vorbild Marias gesehen wird, oder in der Kunst, wo Maler wie Botticelli, Caravaggio, Gentileschi, Rubens, oder Klimt die dramatische Szene der Enthauptung in eindrucksvollen Bildern festhielten. Bis heute bleibt die Geschichte ein starkes Beispiel dafür, wie literarische Figuren über ihre Zeit hinaus Bedeutung gewinnen und zu Symbolen für universelle Themen wie Freiheit, Glauben und Widerstand gegen Tyrannei werden.

Bleistift, Farbstift, Aquarell
Wvz. 5459
Format: 700 x 500 mm
November 2025
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