
Volksbelustigendes, Musisches und Symbolisches – Ansichten aus der Welt des Zirkus, des Künstlers, der Vorstellung. Einsichten in die Arbeit des Zeichners Andreas Noßmann, der zurzeit rund 25 Bilder in der Braunschweiger Galerie „KK“ ausstellt.
Man möchte die Arbeiten in Früh‑ und Spätwerk einteilen: Die Porträts von Franz Schubert und Johann Strauß Sohn und die Zeichnungen der Pianisten und Dirigenten scheinen so wenig rätselhaft, dass man glauben könnte, sie dienten nur der Erprobung und Vervollkommnung der Technik. Freude an der Darstellung der Bewegung – einige Arbeiten rufen in ihrer Übertreibung Erinnerungen an Wilhelm Busch wach – Freude am trefflichen Abbilden eines Gesichts scheinen Noßmann die Zeichenfeder geführt zu haben. Die Blätter sind allerdings wenig originell; man hat den Eindruck, als ließe sich der junge Künstler hier von seiner zeichnerischen Meisterschaft zu Klischees hinreißen, statt neu und genau zu beobachten.
Auf der anderen Seite (sprich: im anderen Raum) zeigt er Tiefgründigeres: Auseinandersetzung mit Tod und Teufel, mit Clownerie und menschlicher Vergnügungssucht. Doch nichts mit Früh‑ und Spätwerk: Fast alle Zeichnungen sind im Januar dieses Jahres entstanden.
Andreas Noßmann, 25 Jahre alt, studiert Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Freie Grafik in Wuppertal. Eine beachtliche Entwicklung nimmt sichtbar ihren Anfang: Seit 1980 zeichnet und malt Noßmann frei. Er arbeitet seit zwei Jahren an einer Serie, in der er sich von der Literatur zu eigenständigen Bildern anregen lässt. „Satanische“ Zeichnungen und „Der tödliche Narr“ sind nach einem Text von Voltaire entstanden. Der „Tödliche Narr“ gehört zum Zyklus „Der tödliche Narr oder die Verwandlung des Menschen“, bei dem Noßmann sich an der Lektüre von Edgar Allan Poe orientiert.
Noßmann ist geizig im Gebrauch der Farben, manchmal auch geizig mit dem Strich überhaupt. Dann gibt er nur Andeutungen, Hilfestellungen; da entsteht das Bild erst im Kopf des Betrachters. Oder aber er ist architektonisch genau: Zum Anfassen plastisch ist das Skelett des Todes mit seiner lächerlichen Perücke auf dem Kopf oder das Klappern der kalten Knochen. So manches Blatt lässt die Totenthematik aufleben und lässt einen schaudern.
So einnehmend betrachtungsfreudig die „Frühwerke“ sind, so beunruhigend liegen „Satanisches“ und „Der tödliche Narr“ im Magen. Man fühlt sich beschämt und fühlt doch eine Art von Erleichterung angesichts des unfassbaren Gewalttätigen, das Noßmann in seinen Figuren selbst mit einem Strick um den Hals dahinröcheln sieht. Da hat Andreas Noßmann etwas Versöhnliches.
Bei „Circus Maximus“ ist es mit dem Versöhnlichen dann allerdings schon wieder vorbei. Die Rohrfederzeichnungen und Bilder aus dem Zyklus „Zirkus heute“ zeigen aber Zirkus gestern. Da treibt Noßmann mit sechs handfesten Sensationen zur Zeit der Clowns und Akrobaten – Menschen zwischen Opfer und Held des Todes, verkörpert durch den toten Sierschkaff.
Kaum zu glauben, dass die Zeichnungen alle aus einer Hand stammen. Man sieht sie als eine Art von Menschendarstellung, die mit dem Zirkus verwandt ist, aber niemals auf Augenblicksbelustigung zielt.
Braunschweiger Nachrichten, ??.01.1988

